– Teil 2 –

Natürlich neigen die meisten von uns dazu, sich für einen selbst sehr unangenehmen und schwierigen Fragen nur ungern zu stellen und diese dann auf die lange Bank zu schieben. So geht ein Teil der Komplexität meiner Situation schließlich auf das Risiko eines spät aufgenommen Studiums plus der riskanten Entscheidung für eine Promotion in den Geisteswissenschaften, einer sogenannten brotlosen Kunst, ein. Auch die mangelnde finanzielle Absicherung, ein weitverbreitetes Problem unter Frauen, rächt sich nun.
Aber die Einsicht, dass ein großer Teil meiner aktuellen Schwierigkeiten durchaus selbstverschuldet ist, sowie ewiges Bedauern löst jene nicht, dies war mir recht schnell nach der Diagnose bewusst. Jetzt hieß es, nach vorne zu schauen und Lösungen zu suchen. Dabei mussten wir aber ähnliche Erfahrungen wie das junge Pärchen, über welches ich im ersten Teil des Blogbeitrages berichtete, machen. Es fühlte sich an, als ob man auf der Suche nach gangbaren Wegen immer wieder gegen Wände läuft. Man ist sich sicher, dass es da auch Türen geben muss, findet jene aber schlichtweg nicht.
Unwissen im Quadrat
Fehlendes Wissen und Informationen sind eine der größten Herausforderungen auf diesem Weg, auf die wohl die wenigsten von uns Betroffenen vorbereitet waren. So hatte ich zum Zeitpunkt der Diagnose von Parkinson genauso wenig Ahnung wie von den Themen (Schwer-)Behinderung und Nachteilsausgleiche. Heute schüttele ich lachend über mich selbst und meine damalige Unkenntnis den Kopf, auch über die Naivität, mit der ich damals bei meiner Krankenkasse anrief und mich höflich nach möglichen Unterstützungsmöglichkeiten ihrerseits erkundigte. Inzwischen habe ich einiges dazu gelernt, unter anderem dass Kostenträger nicht unbedingt auf von ihnen zu zahlende Unterstützungsleistungen hinweisen, und stehe doch noch immer vor so vielen Dingen ratlos da.
Die Tatsache, dass ich mit meinen Wissenslücken nicht allein war, sondern mir jene auch auf der anderen Seite des Telefonhörers, bzw. der Amtsstubentische begegnete, verbesserte die Situation keineswegs. Eine Beratung sowie Unterstützung in Hinsicht auf die berufliche Rehabilitation eine Parkinsonpatienten wird zum Beispiel schwierig, wenn der Fachexperte kaum Wissen über Erkrankung, Therapien und daraus folgende Einschränkungen hat. Ich erinnere mich noch gut an die Verzweiflung und Frustration, die ein solcher Termin bei mir hinterließ. Die vorgeschlagenen Lösungen sowie Unterstützungsangebote waren komplett inkompatibel mit meiner Situation und Bedürfnissen. Natürlich verstehe ich, dass Parkinson in diesem Bereich sicherlich eine untergeordnete Rolle spielt, da der überwiegende Teil der Betroffenen schon im Rentenalter ist. Dennoch bin ich nicht die einzige jüngere Erkrankte und zumindest eine fachkundige Ansprechstelle auf Bundes- oder Landesebene wäre mehr als wünschenswert.
Behinderung des Zugangs zu Teilhabeleistungen durch Behinderung
Absurderweise sind und waren es gerade die parkinsonbedingten Einschränkungen, wegen deren ich mich auf diesem Weg häufig schlichtweg überfordert fühle. Habe ich jahrelang souverän die Familienorganisation nebst sämtlichen anfallenden „Papierkram“ gemeistert, fiel mir bereits im Vorfeld der Diagnose dies aus unerklärlichen Gründen immer schwerer. Fehler, vergessene Termine sowie Fristen häuften sich. Es erforderte einen sehr langen Prozess, einige Kreativität und sehr viel Arbeit für meine Ergotherapeutin funktionierende Copingstrategien sowie geeignete (technischer) Hilfsmittel für diese Schwierigkeiten zu finden. Mit jenen gelingt die alltägliche Organisation wieder weitestgehend reibungslos. Zusätzliche umfangreiche Aufgaben, wie Amtsanträge mit ihren entsprechenden Formalitäten bringen mich jedoch schnell an meine Grenzen.
Mündliche Gespräche in diesem Zusammenhang warten zudem noch mit weiteren Herausforderungen auf. Während ich beim Schreiben Pausen bei nachlassender Konzentration einlegen kann und inzwischen auch sehr gute Strategien (den Einsatz von Thesaurus, Chat GPT, usw.) zur Überwindung von Wortfindungsstörungen habe, geht dies bei Unterhaltungen natürlich nicht. Hier versuche ich mich meist bestmöglich auf den jeweilig anstehenden Termin mit Notizen als Gedankenstütze vorzubereiten, insbesondere um den häufig vorherrschenden und für mich sehr ungünstigen Zeitdruck entgegenzuwirken.
Problematisch wird es allerdings, wenn mein Gesprächspartner mit überraschenden thematischen Wechseln, einem rasanten Tempo bzw. der Erwartung von schnellen Antworten oder Entscheidungen meine Vorbereitung über den Haufen wirft. Dies führt bei mir laienhaft ausgedrückt zu so etwas wie einem „mentalen Freezing“. Selbst auf lapidarste Fragen, wie dem aktuellen Ort, dem eigenen Alter oder Geburtstage der Kinder ist dann da plötzlich einfach ein riesiges Nichts. Mitunter denkt mein Gegenüber dann jedoch, dass ich die Frage nicht gehört oder verstanden habe und wiederholt sie mehrfach. Das verbessert die Situation jedoch keineswegs, sondern hat vielmehr eine ähnliche Wirkung, wie das mehrfache Betätigen der Enter – Taste bei älteren und langsamen Windows-Rechnern.
Daher nehme ich zu wichtigen Terminen immer eine Begleitung, in der Regel meinen Ehemann, mit. Dies ist ohnehin bei Auswärtsterminen nötig, weil ich beim Autofahren derartige Schwierigkeiten habe, dass ich davon seit einiger Zeit aus Vernunftgründen Abstand nehme. Unter anderem wegen des schwachen Ausbaus des öffentlichen Nahverkehrs und mangelhafter Barrierefreiheit in der gesamten Umgebung meines Wohnortes scheidet jeder als Alternative leider auch aus. Diese Einschränkungen in meiner Selbstständigkeit und Mobilität stehen im krassen Gegensatz zu meinem Leben vor der Erkrankung, sind darüber hinaus auch ein enormes Problem für die Berufsfrage und ein allgemeiner Frustfaktor.
Frust ist im Zusammenhang mit den notwendigen Wegen ein gutes Stichwort. Anträge auf Reha, Schwerbehindertenausweis, Hilfsmitteln usw. sind nicht nur extrem zeit- und kraftaufwendig, sondern gleichen darüber hinaus auch einer emotionalen Achterbahnfahrt. Während man selbst noch oder mal wieder mit der Krankheitsbewältigung hadert, wird durch jene die Erkrankung auf eine amtliche Stufe gehoben. Zudem muss man sich auf diesem Weg Begutachtungen und mitunter auch dem ein oder anderen unsensiblen Kommentar stellen. Jene sowie negative Bescheide können Selbstzweifel massiv triggern. Kostete es bereits enorme Überwindung einen Antrag, zum Beispiel auf einen Schwerbehindertenausweis, zu stellen, wird der innere Widerstand gegen die Ablehnung einen Widerspruch einzulegen noch größer. All dies verursacht schlaflose Nächte und Stress, welcher kurzfristig die Symptome zumeist massiv verstärkt und auch langfristig für den Krankheitsverlauf ungünstig ist.
Parkinson – der Systemsprenger
Aus meiner Sicht müsste daher Parkinson verstärkt aus sozialmedizinischer Sicht beachtet und ein intensiverer Austausch zwischen allen relevanten Akteuren der Parkinsonversorgung, aber auch amtlichen Entscheidungsträgern erfolgen. Im Bereich der medizinisch-therapeutischen Parkinsonversorgung findet jener zum Beispiel im Rahmen von Parkinsonnetzwerken bereits statt und zeigt dabei bereits positive Wirkungen. Auch in der Patientenkommunikation lässt sich glücklicherweise zunehmend eine Öffnung feststellen. In jenem Bereich, wo „medizinisches Fachchinesisch“ auf „Amtsdeutsch“ trifft, endet diese hoffnungsvoll stimmende Entwicklung leider. Als Betroffene fühle ich mich dazwischen häufig „lost in Translation“.
Genau in dieser Kontaktzone treffen nicht nur unterschiedliche Fachsprachen, sondern auch die Verwaltung knapper Gesundheitskassen auf Fachkräftemangel. Als Patient befindet man sich zwischen den „Fronten“. Natürlich verstehe ich, dass die Organisation des Gesundheitswesens und die Vermeidung von Mittelmissbrauch ein gewisses Maß an Formalitäten erfordert. Ich verstehe aber auch, dass beim ohnehin schon überlasteten medizinisch-therapeutischen Personal kaum noch Ressourcen für den scheinbar immer größer werdenden bürokratischen Aufwand vorhanden sind. Es bereitet mir daher Unbehagen, meinen Ärzten und Therapeuten, die mich wirklich sehr gut betreuen und begleiten, noch zusätzlichen administrativen Aufwand aufzubürden. In diesem Rahmen kann es mitunter vorkommen, dass Behandler, die benötigten Formulare nicht (mit der nötigen Sorgfalt), bzw. fristgerecht ausfüllen. Als Betroffener sitzt man dann in der Zwickmühle und guter Rat ist nötig.
Auf jenem herausfordernden Weg können Beratungsstellen eine hilfreiche Unterstützung sein. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber auch, dass allein dieser Schritt, die Suche und das Bitten um Hilfe Überwindung erfordern. Daher habe ich mich für ein niedrigschwelliges Angebot entschieden und mich an die nächste EUTB-Beratungsstelle, welche Beratungen auch per Videogespräch anbietet, gewandt. Im bereits kurz darauf stattgefundenen Gespräch fühlte ich mich verstanden und konnte viele neue Informationen und Tipps aber auch neue Ideen für Lösungsansätze mitnehmen. So gerüstet bin ich inzwischen bereits etwas weiter und die zu klärenden Angelegenheiten in Bewegung gekommen. Darüber und über einzelne Themen aus dem Spannungsfeld Parkinson-Beruf-Finanzen-Familie werde ich in den folgenden Beiträgen, die hoffentlich nicht ganz so lang auf sich warten lassen, genauer berichten.


